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Vor Jahren saß ich einmal bei meiner Nachbarin. Eigentlich wegen etwas ganz anderem – damals hatte ich bemerkt, dass ich meine Kinder kaum, dass ich genervt war, genau so ansprach, wie ich mir geschworen hatte, es niemals zu tun. (Die Stimme meiner Mutter. Aus meinem Mund. Gruselig.)

Meine Nachbarin war bereits damals Coach. Und als ich ihr mein Problem schildere, sagt sie plötzlich:

„Musst Du eigentlich immer Leistung bringen?“

Irgendwo hatte sie genau das aus meiner Schilderung herausgehört. Am liebsten hätte ich protestiert, während mir gleichzeitig die Tränen in die Augen schossen. Denn: Natürlich muss ich leisten! Ich bin selbstständig, ich habe Verantwortung. Und vor allem habe ich hohe Ansprüche an mich – und bin zudem noch verdammt gut in dem, was ich tue. (Das war übrigens Teil des Problems.)

„Es ist nicht die Stille, die uns Angst macht. Es ist das, was wir in der Stille über uns selbst hören könnten.“ — Brené Brown

Ich denke gerade an eine Führungskraft, mit der ich arbeite. Klug, kompetent, analytisch. Und wenn sie über ihr Team spricht, redet sie – zwischen den Zeilen – eigentlich über sich selbst. Über Leistung. Immer Leistung. Und wie das ihren Selbstwert bestimmt.

Sie ist nicht Führungskraft geworden, obwohl sie sich über Leistung definiert. Sondern weil. Das Muster hat funktioniert. Beförderung, Anerkennung, Ergebnisse – alles da. Warum also etwas ändern, das einen hierhergebracht hat?

Und hier ist die Sache: Sie ist nicht Führungskraft geworden, obwohl sie sich über Leistung definiert. Sondern weil. Das Muster hat funktioniert. Beförderung, Anerkennung, Ergebnisse – alles da. Warum also etwas ändern, das einen hierhergebracht hat?

Das ist das eigentliche Problem: Eine Strategie, die nachweislich erfolgreich war. Die Beweise liegen auf dem Tisch – der Titel, die Position, der Respekt. Also: mehr davon. Noch härter. Noch mehr beweisen.

(Spoiler: Weil der Preis dafür auf einer Rechnung steht, die erst später kommt. Bei mir war es ein Hörsturz. Und danach noch eine Diagnose, die ich hier nicht ausbreite. Jedenfalls nichts, was Du willst.)

Und als meine Nachbarin diese eine Frage stellte, wurde mir klar: Das Problem war nicht, was ich tat. Das Problem war, warum. Bei mir – und bei dieser Führungskraft – lief dasselbe Programm im Hintergrund.

Aber jetzt wird es eigentlich interessant. Denn das Problem ist nicht die Leistung an sich.

Der Bug: Warum sich Selbstwert ohne Leistung unmöglich anfühlt

Das Problem ist ein Bug im Bewertungssystem.

Er funktioniert so: Wenn Dir etwas leicht fällt – wenn Du etwas kannst, ohne Dich dafür zu verbiegen – dann zählt es nicht. „Das kann doch jeder“, denkst Du. Oder schlimmer: „Das ist doch selbstverständlich.“

Anders gewendet: Zählen tut nur, was schwer ist. Was Überwindung kostet. Was womöglich sogar wehtut, so dass Du am Abend weißt, was Du getan hast.

Kennst Du das? Du löst in einem Meeting ein Problem in dreißig Sekunden – etwas, woran andere seit Wochen knabbern – und Dein erster Gedanke ist nicht „Wow, das war gut“, sondern „Das war ja nichts Besonderes“. Und dann übernimmst Du freiwillig die Aufgabe, die Dir Bauchschmerzen macht, weil sich das nach richtiger Arbeit anfühlt.

Und so entsteht etwas Absurdes: Statt die Energie dort einzusetzen, wo Du brillierst (wo sie Dir sogar welche zurückgibt), investierst Du sie in Dinge, die Dich auslaugen. Weil sich nur das nach „echter“ Arbeit anfühlt.

Das bedeutet: Dein inneres Betriebssystem ist auf Schmerz kalibriert. Nicht auf Wirkung.

Frauen in MINT – Berufen trifft es doppelt

Und das trifft – vielleicht erkennst Du Dich – Frauen in männerdominierten Branchen nochmal härter. Wenn Du ohnehin in der Unterzahl bist, kommt zum inneren Bug noch der äußere Druck dazu: Beweise Dich. Zeig, dass Du hierher gehörst.Ein zweiter Turbo auf einem Motor, der ohnehin schon im roten Bereich dreht.

Du bist vielleicht die einzige Frau am Tisch. Und statt zu sagen „Ich habe die beste Lösung, weil das genau mein Ding ist“, denkst Du: „Ich muss doppelt so gut sein, damit es überhaupt jemand bemerkt.“ Also nimmst Du Dir die komplizierteste Aufgabe – nicht weil sie zu Dir passt, sondern weil sie beweist, dass Du dazugehörst.

Das innere Muster und der äußere Druck verschmelzen. Und irgendwann merkst Du nicht mehr, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

Wo geht eigentlich Deine Energie hin?

Was wäre, wenn wir das mal umdrehen?

Nicht: „Streng Dich mehr an.“

Sondern: „Wo geht eigentlich Deine Energie hin?“

Denn hier ist die gute Nachricht – und ich meine das ernst: Du kannst das Schwere. Das hast Du oft genug bewiesen. Es ist gar nicht mehr nötig, Dir zu beweisen, dass Du das Erreichte wert bist (nicht einmal, um den nächsten Schritt zu tun). Der Automatismus ist durchbrochen, sobald Du ihn einmal siehst.

Und dann beginnt etwas, das sich anfühlt wie echte Führung: Du setzt Deine Energie dort ein, wo sie Wirkung hat – und gibst den Rest ab. Nicht weil Du es nicht könntest. Sondern weil Du es nicht mehr musst.

Selbstwert ohne Leistung klingt für viele wie ein Widerspruch oder womöglich wie Faulheit – eigentlich ist es Ressourcen-Intelligenz. Nur damit wir uns nicht missverstehen. Und solltest Du irgendetwas doch selbst tun müssen , dann weißt Du, dass Du kannst.


Ein kleines Experiment für diese Woche – wenn Du magst:

Achte einmal darauf, wann Dir etwas leicht fällt. Und dann hör hin, was Dein innerer Kommentar dazu ist. „Das war ja nichts Besonderes.“ „Das hätte jeder gekonnt.“ „Zählt nicht.“

Einfach nur beobachten. Kein Urteil, kein Messbalken. Nur: Daten sammeln.

Und wenn Du mutig bist: Frag jemanden, der Dich gut kennt – Was kann ich richtig gut, ohne mich dabei anzustrengen?

Die Antwort könnte Dich überraschen.

Nutze Deine Talente. Die Welt braucht sie.

Es gibt eine Situation, die in Führungsseminaren selten offen angesprochen wird – obwohl sie fast alle kennen:

Du bist verantwortlich für ein Projekt. Du unterschreibst am Ende den Report. Du trägst das Risiko.
Und Du hast ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das Ergebnis fachlich gut ist.

Der Code? Hieroglyphen. Die Toleranzen? Nicht Dein Fach. Das Architektur-Konzept? Klingt plausibel – nur leider hast Du keine Grundlage, um es bis ins Kleinste zu beurteilen.

Willkommen in der Führungsrealität. Du führst ohne (oder mit wenig) Fachkompetenz.

Den Club gibt es häufiger, als man in Meetings zugibt.

Die falsche Frage – und warum sie trotzdem jeder stellt

Im Kopf entsteht sofort das Dilemma: Vertrauen oder kontrollieren?

Zu viel Vertrauen fühlt sich an wie Hoffen und Beten. Du weißt erst hinterher, ob es gut war – und dann ist es oft zu spät.
Zu viel Kontrolle fühlt sich nach Mikromanagement an. Und Du liest den Code ja eh nicht.

Beides fühlt sich falsch an. Weil es die falsche Frage ist.

Die richtige Frage lautet: Wie führe ich verantwortungsvoll, wenn ich das Ergebnis fachlich gar nicht beurteilen kann?

Das Umdenken, das wirklich hilft

Hier ist die Unterscheidung, die alles verändert:

Du kontrollierst nicht den Inhalt. Du kontrollierst den Prozess.

Das klingt nach einem Wortspiel. Ist es nicht – es ist ein grundlegend anderer Job.

Du bist nicht dafür zuständig, den Bug zu finden.

Du bist dafür zuständig, einen Rahmen zu bauen, in dem Bugs rechtzeitig sichtbar werden. Du bist nicht dafür zuständig, die technische Entscheidung zu treffen. Du bist dafür zuständig, den richtigen Entscheidungsraum zu definieren.

Das nennt man strategisches Vertrauen – im Gegensatz zu blindem Vertrauen. Und der Unterschied steckt in drei Fragen, die Du vor dem Delegieren klärst.

Die drei Fragen vor jeder Aufgabenübergabe

Frage 1: Was ist das Ziel – und wann ist „gut genug“ gut genug?

Wenn Du das Ergebnis fachlich nicht beurteilen kannst, brauchst Du messbare Kriterien. Nicht „Mach das bitte ordentlich“ (das ist kein Kriterium, das ist ein Wunsch), sondern: „Wir brauchen X, damit Y funktioniert. Deadline ist Z. Und wenn A passiert, reden wir neu.“

Das ist Deine Leitplanke. Auch ohne den Inhalt bis ins Kleinste beurteilen zu können, weißt Du dann: Bewegt sich das in die richtige Richtung – oder nicht?

Frage 2: Was sind die Guardrails – und wann kommt jemand zu mir?

Definiere den Entscheidungsspielraum. Was darf Dein Teammitglied allein entscheiden? Wo muss es Dich einbinden?

Das ist kein Misstrauen. Das ist Prozess-Design. (Und nebenbei nimmt es auch dem Teammitglied Druck weg – weil klar ist, wann es Dich braucht und wann nicht. Wer das nicht definiert, erzeugt entweder Überabhängigkeit oder stille Eigenmächtigkeit. Beides ist suboptimal.)

Frage 3: Wie wichtig ist die Aufgabe – und wie erfahren ist die Person?

Hier wird es situativ. Routine-Aufgabe mit einem erfahrenen Teammitglied? Wenig Checkpoints, viel Spielraum. Mission-Critical mit jemandem, der das zum ersten Mal macht? Mehr Sicherheitsnetze, engere Taktung.

Das ist wichtige Kontrolle. Es ist Kalibrierung – und eine der wichtigsten Führungskompetenzen überhaupt.

Der mutigste Teil: Sag es laut.

Jetzt kommt der Schritt, den die meisten weglassen. Weil er sich anfühlt wie eine Einladung zum Zweifeln.

Sag Deinem Team offen, was Sache ist:

„Ich verstehe fachlich nicht alles, was ihr macht. Deshalb brauche ich Checkpoints – nicht weil ich euch nicht vertraue, sondern weil ich Sicherheit brauche. Wie können wir das so gestalten, dass es für euch nicht nach Kontrolle aussieht?“

Das ist keine Schwäche. Das ist Klarheit. Und Klarheit schafft Vertrauen – in beide Richtungen.

(Und ja: Auch Kontrolle gehört zur Führung dazu. Der Unterschied liegt darin, ob sie transparent eingesetzt wird – oder heimlich.)

Und wenn ihr beide nicht weiterwisst?

Dann gibt es noch den Fall, den kein Delegieren-Kapitel erwähnt: Dein Teammitglied kommt zu Dir – und ihr habt beide keine Ahnung.

Das ist kein Versagen. Das ist der Moment, in dem Dein eigentlicher Job sichtbar wird.

Deine Aufgabe ist dann nicht, die Antwort zu kennen. Deine Aufgabe ist, zu wissen, wer sie kennt – und dorthin zu lotsen.

Netzwerken ist als Führungskraft fast Dein Hauptjob. Nicht weil es schön ist, auf Events Visitenkarten zu tauschen. Sondern weil Du in genau diesem Moment – wenn das Wissen im Raum fehlt – weißt, wo Du es findest. Das ist der Unterschied zwischen einer Führungskraft, die alles weiß, und einer, die alles ermöglicht.

(Die zweite Variante skaliert deutlich besser.)

Fazit

Führen ohne Fachexpertise ist kein Widerspruch. Es ist eine Kompetenz – und eine, die trainierbar ist.

Du brauchst keine Hieroglyphen zu lesen. Du brauchst einen guten Prozess, klare Guardrails und die Bereitschaft, offen zu sagen, was Du weißt – und was nicht.

Das Dilemma zwischen Vertrauen und Kontrolle löst sich nicht auf. Du lernst, es besser zu navigieren. Mit Struktur statt mit Bauchgefühl.

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